Worte, die bleiben …

Abendgefühl

Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag. Wie das zu dämpfen …

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war’s doch, mein Herz?

Freude wie Kummer,
Fühl ich, zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz wie ein Schlummerlied vor.

Die Weihe der Nacht

Nächtliche Stille! Heilige Fülle, wie von göttlichem …

Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
wie von göttlichem Segen schwer,
säuselt aus ewiger Ferne daher.

Was da lebte,
wie aus engem Kreise
auf ins Weiteste strebte,
sanft und leise
sank es in sich selbst zurück
und quillt auf in unbewußtem Glück.

Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
daß die müden Kräfte wieder
sich in neuer Frische regen,
und aus seinen Finsternissen
tritt der Herr, soweit er kann,
und die Fäden, die zerrissen,
knüpft er alle wieder an.

Nachtlied

Quellende, schwellende Nacht, Voll von Lichtern und …

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:   
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich’s weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.

Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein Die stille Frühlingsnacht durchwachen …

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so wie du zu lachen.

Ich sehne mich nach Mutterlieb
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durchs Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen,
Du mußt mir Vater und Mutter sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
Und ganz mein eigen.

Mein Lied

Schlafend fällt das nächtliche Laub, O, du stiller dunkelster Wald …

Schlafend fällt das nächtliche Laub,
O, du stiller dunkelster Wald …

Kommt das Licht mit dem Himmel,
Wie soll ich wach werden?
Überall wo ich gehe
Rauscht ein dunkler Wald;

Und bin doch dein spielendes Herzchen, Erde,
Denn mein Herz murmelt das Lied
Moosalter Bäche der Wälder.

Und suche Gott

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen …

Ich habe immer vor dem Rauschen meines
Herzens gelegen,
Nie den Morgen gesehen,
Nie Gott gesucht.
Nun aber wandle ich um meines Kindes
Goldgedichtete Glieder
Und suche Gott.

Ich bin müde vom Schlummer,
Weiß nur vom Antlitz der Nacht.
Ich fürchte mich vor der Frühe,
Sie hat ein Gesicht
Wie die Menschen, die fragen.

Ich habe immer vor dem Rauschen meines
Herzens gelegen;
Nun aber taste ich um meines Kindes
Gottgelichtete Glieder.

Vollmond

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut …

Leise schwimmt der Mond durch
mein Blut
Schlummernde Töne sind die
Augen des Tages
Wandelhin – taumelher
Ich kann deine Lippen nicht
finde…
Wo bist du, ferne Stadt
Mit den segnenden Düften?

Ich kann deine Lippen nicht
finden…
Immer senken sich meine Lider
Über die Welt – alles schläft.

Abel

Kains Augen sind nicht gottwohlgefällig. Abels Angesicht ist ein goldener …

Kains Augen sind nicht gottwohlgefällig.
Abels Angesicht ist ein goldener Garten,
Abels Augen sind Nachtigallen.

Immer singt Abel so hell
Zu den Saiten seiner Seele,
Aber durch Kains Leib führen die Gräben der
Stadt.

Und er wird seinen Bruder erschlagen –
Abel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.

Wo ist Kain, da ich ihn stürmen will:
Hast du die Süßvögel erschlagen
In deines Bruders Angesicht?!!

O Gott

Überall nur kurzer Schlaf Im Mensch, im Grün, im Kelch der Winde …

Überall nur kurzer Schlaf
Im Mensch, im Grün, im Kelch der Winde.
Jeder kehrt in sein totes Herz heim.

Ich wollt die Welt wär noch ein Kind –
Und wüßte mir vom ersten Atem zu erzählen.

Früher war eine große Frömmigkeit am Himmel,
Gaben sich die Sterne die Bibel zu lesen.
Könnte ich einmal Gottes Hand fassen
Oder den Mond an seinem Finger sehn.

O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir!

Ein Lied an Gott

Es schneien weiße Rosen auf die Erde, Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt …

Es schneien weiße Rosen auf die Erde,
Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;
Die weiß es, die ich wieder lieben werde,
Wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.

Zwischen Winternächten liegen meine Träume
Aufbewahrt im Mond, der mich betreut –
Und mir gut ist, wenn ich hier versäume
Dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf innerlichsten Wegen
Und kräuselte die Lippen nie zum Spott,
In meinem Herzen fällt ein Tränenregen;
Wie soll ich dich erkennen lieber Gott …

Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht,
Dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.
Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht!

Zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir
halten.
So dunkel ist es fern von deinem Reich
O Gott, wie kann ich weiter hier bestehen.
Ich weiß, du formtest Menschen, hart und weich,
Und weintetest gotteigen, wolltest du wie
Menschen sehen.

Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoß

Ganz unverhüllt: du möchtest es erkennen.
Ich und die Erde wurden wie zwei
Spielgefährten groß!
Und dürfen „du“ dich beide, Gott der Welten,
nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit
Von meines Herzens Warte aus gesehen;
Es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit
Und aller Stürme sterbendes Verwehen.

Mein Herz ruht müde

Mein Herz ruht müde Auf dem Samt der Nacht …

Mein Herz ruht müde
Auf dem Samt der Nacht
Und Sterne legen sich auf meine Augenlide …

Ich fließe Silbertöne der Etüde – – –
Und bin nicht mehr und doch vertausendfacht.
Und breite über unsere Erde: Friede.

Ich habe meines Lebens Schlußakkord
vollbracht –
Bin still verschieden – wie es Gott in mir
erdacht:
Ein Psalm erlösender – damit die Welt ihn übe.

An Apollon

Es ist am Abend im April. Der Käfer kriecht ins dichte Moos …

Es ist am Abend im April.
Der Käfer kriecht ins dichte Moos.
Er hat so Angst – die Welt so groß!

Die Wirbelwinde hadern mit dem Leben,
ich halte meine Hände still ergeben
auf meinem frommbezwungenen Schoß.

Ein Engel spielte sanft auf blauen Tasten,
langher verklungene Phantasie.
Und alle Bürde meiner Lasten,
verklärte und entschwerte sie.

Jäh tut mein sehr verwaistes Herz mir weh –
blutige Fäden spalten seine Stille.
Zwei Augen blicken wund durch ihre
Marmorhülle
in meines pochenden Granates See.

Er legte Brand an meines Herzens Lande –
nicht mal sein Götterlächeln
ließ er mir zum Pfande.

Ich trage Ruhe in mir

Ich trage Ruhe in mir, ich trage in mir selbst die Kräfte die mich stärken …

„Ich trage Ruhe in mir,
ich trage in mir selbst
die Kräfte die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
mit dieser Kräfte Wärme.
Ich will mich durchdringen
mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich,
wie Ruhe sich ergießt
durch all mein Sein,
wenn ich mich stärke,
die Ruhe als Kraft in mir zu finden
durch meines Strebens Macht.“

Danach die Worte „Ich bin“ im Inneren sprechen

Licht um mich

Mein Herz ruht müde Auf dem Samt der Nacht …

Licht um mich
( Mit den Armen Kreis nach oben, über den Kopf Handflächen nach außen )
Licht erfülle mich.
( Arme wieder nach unten, Handflächen nach innen )
Licht umschließe mich.
( Armkreis waagerecht nach vorne )
Licht stärke mich.
( Arme Kreis nach unten )
Licht verwandle mich.
( Arme nach oben wie 1. Zeile )
Licht stelle mich.
( Arme Kreis über vorne nach unten )
Auf mich selbst.
„E“, (linker Arm unter rechtem Arm, kreuzen, Vorhang schließen,
abgrenzen, sich schützen)

In dem Herzen webet Fühlen

In dem Herzen webet Fühlen, In dem Haupte leuchtet Denken …

gemeinsame Kugelübung

In dem Herzen webet Fühlen,
In dem Haupte leuchtet Denken,
In den Gliedern kraftet Wollen.

Webendes Leuchten,
Kraftendes Weben,
Leuchtendes Kraften,

Das ist der Mensch

Ich bin ein Baum

Ich bin ein Baum und atme mein flüsterndes …

Zur Baumübung

Ich bin ein Baum
und atme
mein
flüsterndes Laub
vom Himmel
kommt
ein Engel
und küsst
meine Wurzel

Ich atme, ein ich atme aus

Ich atme, ein ich atme aus, ich bin in Raum und Zeit …

Morgens zum wach werden, Licht aufnehmen, Arme spannen und lösen:

Ich atme, ein ich atme aus,
Ich bin in Raum und Zeit zuhaus Abwechselnd zwischen Beiden.

Ich atme aus, ich atme ein,
Ich hol die Welt zu mir herein
Und lass sie wieder scheiden.

Mein Herz erfüllt der Wandlung Macht,
Es folgt dem Rhythmus Tag und Nacht
In Freuden und in Leiden.

O Nacht, du Sternenbronnen

O Nacht, du Sternenbronnen, ich bade Leib und …

Seele weiten, Last abwerfen:

O Nacht, du Sternenbronnen,
ich bade Leib und Geist
in deinen tausend Sonnen –

O Nacht, die mich umfleußt
mit Offenbarungswonnen,
ergib mir, was du weißt!

O Nacht, du tiefer Bronnen …

Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer, Lust und Leid und …

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.

Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Ob’s Gedanken oder Träume? –

Schließ‘ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.

Die Welle

Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer ….

Hast du die Welle gesehen, die über das
Ufer einherschlug?
Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich
sprühend schon aus!
Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du
erwartest vergebens,
Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir
legt.

Der Tanz

Siehe wie schwebenden Schritts im Wellenschwung sich die Paare …

Siehe wie schwebenden Schritts im
Wellenschwung sich die Paare
Drehen, den Boden berührt kaum der
geflügelte Fuß.
Seh ich flüchtige Schatten, befreit von der
Schwere des Leibes?Schlingen im Mondlicht
dort Elfen den luftigen Reihn?Wie, vom
Zephyr gewiegt, der leichte Rauch in die
Luft fließt,
Wie sich leise der Kahn schaukelt auf
silberner Flut,Hüpft der gelehrige Fuß auf
des Takts melodischer Woge,
Säuselndes Saitengetön hebt den
ätherischen Leib.

Jetzt, als wollt es mit Macht durchreißen
die Kette des Tanzes,
Schwingt sich ein mutiges Paar dort in den
dichtesten Reihn.
Schnell vor ihm her entsteht ihm die Bahn,
die hinter ihm schwindet,
Wie durch magische Hand öffnet und
schließt sich der Weg.
Sieh! Jetzt schwand es dem Blick, in wildem
Gewirr durcheinander
Stürzt der zierliche Bau dieser beweglichen
Welt.
Nein, dort schwebt es frohlockend herauf,
der Knoten entwirrt sich,

Nur mit verändertem Reiz stellet die Regel
sich her.
Ewig zerstört, es erzeugt sich, ewig die
drehende Schöpfung,
Und ein stilles Gesetz lenkt der
Verwandlungen Spiel.
Sprich wie geschiehts,
daß rastlos erneut die Bildungen
schwanken,Und die Ruhe besteht in der
bewegten Gestalt?

Jeder ein Herrscher, frei, nur dem eigenen
Herzen gehorchet,
Und im eilenden Lauf findet die einzige
Bahn?
Willst du es wissen? Es ist des Wohllauts
mächtige Gottheit,
Die zum geselligen Tanz ordnet den
tobenden Sprung,
Die, der Nemesis gleich, an des Rhythmus
goldenem Zügel
Lenkt die brausende Lust und die
verwilderte zähmt.

Und dir rauschen umsonst die Harmonieen
des Weltalls,
Dich ergreift nicht der Strom dieses
erhabnen Gesangs,
Nicht der begeisternde Takt, den alle
Wesen dir schlagen,
Nicht der wirbelnde Tanz, der durch den
ewigen Raum
Leuchtende Sonnen schwingt in kühn
gewundenen Bahnen?
Das du im Spiele doch ehrst, fliehst du im
Handeln, das Maß.

Geh deiner ruhigen Schritte

Geh deiner ruhigen Schritte Und schaue die Weite der …

Geh deiner ruhigen Schritte
Und schaue die Weite der Erde,
Die von der Hülle des Himmels
Geborgen sich weiß und gehalten;
Die von der Sonne die Wärme,
Das Licht empfängt und das Leben.
Und die zum Träger des Menschen,
der Tiere, der Pflanzen und Steine,
Stetig bemüht und nie müde –
Den Boden dir schenkt drauf zu schreiten.

Sage mir, Muse

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten ….

Sage mir, Muse, die Taten des
vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen
Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte
gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel’ unnennbare
Leiden erduldet,


Homer: Odyssee, in der der Übertragung
von Johann Heinrich Voß